Tuesday, 16 May 2017

Buchneuerscheinung: Global Pop - Das Buch zur Weltmusik

GLOBAL POP

Gerade erschienen:

Claus Leggewie / Erik Meyer (Hg.):  Global Pop - Das Buch zur Weltmusik (J.B. Metzler Verlag)
392 Seiten,  2017, Preis: 29.69 E

Darin mein Beitrag: Christoph Wagner: Von der Sitar zum Laptop – Indien und der Westen



AUGEundOHR: Blasakkordeon

DAS BLASAKKORDEON

Ein Musiker mit einem obskuren Klangerzeuger um 1900, dem Blasakkordeon. Das Instrument war ein Versuch, die Vorteile der Mundharmonika und des Akkordeons zu vereinen und wirkt wie ein Vorgänger der Melodica, die dann in den 1950er Jahren von der Firma Hohner in Trossingen entwickelt wurde und durch Augustus Pablo zu einem prägenden Instrument des jamaikanischen Dub-Reggae avancierte.


Monday, 8 May 2017

Internationales Trickfilm Festival in Stuttgart 2017

Grenzenlose Fantasie

Das Internationale Trickfilm Festival Stuttgart 2017 im Höhenflug

Öffentliches Filmegucken auf dem Stuttgarter Schloßplatz (Foto: Rose Revitt)

cw. Zeichentrickfilme werden oft mit Kinderfilmen gleichgesetzt. Dass das eine unangemessene Verallgemeinerung ist, beweist jedes Jahr das Internationale Trickfilm Festival Stuttgart, das gerade zum 24. Mal stattfand. Das ITFS wartet mit einem Themenspektrum auf, das von politisch über zeitbefindlich bis zu zwischenmenschlich reicht und auch das Fantastische und Surreale einbezieht, ohne Slapstick und Komik zu vergessen.

Dieses Jahr stand das knapp eine Woche dauernde Filmereignis mit über 200 Veranstaltungen unter dem Motto „Animation without Borders – Grenzenlose Animation“ und zog 90.000 Teilnehmer, Spezialisten und Fans aus der ganzen Welt an. Alle Vorführungen sind in einem 200 Seiten dicken Programmheft zusammengefasst. Sie verwandeln die Landeshauptstadt für sechs Tage in ein globales Zentrum für Animation, Trickfilm, Visual Effects, Virtual Reality und Bewegtbildkommunikation. Dabei kam bei diesem Durchgang dem Filmeschaffen in der arabischen Welt besondere Aufmerksamkeit zu.
                                                                          
Zeichentrickfilme können abendfüllende Langfilme sein, doch häufiger sind Kurzfilme, wie sie unter den Stichworten „Young Animation“ und „Internationaler Wettbewerb“ täglich zu sehen waren – zwischen zwei und zwanzig Minuten lang. Die künstlerisch gelungensten Filme waren oft solche, die sich erzählerisch beschränkten, eine kurze Geschichte ins Szene setzten oder ein knappes Statement enthielten. Dem Iraner Alireza Hashempour, der an der Baden-Württembergischen Filmakademie in Ludwigsburg studiert hat, ist dies mit dem Dreieinhalbminüter „In one Drag – in einem Zug“gelungen. Der Film zeigt einen Raucher, der eine Kippe wegwirft, die sich mit anderen Zigarettenstummeln zu einem riesenhaften Zigarettenungeheuer vereinen, das dann den Übertäter in einer Selbstgedrehten raucht. Hashempours Streifen überzeugte durch seine knappe Handlung, die mit Witz ohne Umschweife auf den Punkt kam! 

Neue Technologie in der GameZone (Foto: Rose Revitt)
Eine Vielfalt an Darstellungstechniken kam in den mehr als 1.000 Filmen zum Zuge, die dieses Jahr zu sehen waren. In manchen Streifen waren Knetfiguren die Hautdarsteller, in anderen erweckte der Bleistift die Akteure zum Leben. Es gab Puppentrickfilme, auch solche, die verschiedene Techniken mischten oder gänzlich am Computer entwickelt wurden – die Welt des Zeichentrickfilms setzt der Fantasie keine Grenzen.

Eine ganz eigene Bildsprache zeichnete etwa den sechs-minütigen Film „In Other Words“ der israelischen Künstlerin Tal Kantor aus, der Fotografie und Zeichnen auf beeindruckende Weise verband. Eine ähnlich eigenständige Bildsprache besaß der Kurzfilm „Je Mangerais Bien En Enfant“ der französischen Filmemacherin Anne-Marie Balay. Hauptperson dieser charmanten Geschichte über das Essen war ein kleines Krokodil, das anstatt der täglichen Bananen nun ein Kind essen wollte, wobei origineller Weise alle Akteure und Requisiten mosaikartig aus Nahrungsmitteln wie Linsen, Reis und Pasta gebildet waren.   

Animationstechnisch auf hohem Niveau und künstlerisch-ästhetisch makellos, mangelte es vielen Filme – im Unterschied zu diesen Streifen – an einem konsistenten Handlungsstrang, oder sie enthielten Sequenzen, die auf einen bestimmten Effekt abzielten, der von der Erzähldramaturgie her eigentlich überflüssig war. Davon hob sich im Internationalen Wettwerb das fünfeinhalb- minütige „Nachtstück“ von Anne Breymann ab. Inszeniert als eine Art Traumsequenz, ließ es eine völlig eigene Welt entstehen abseits von den vielen Klischees, die auch im Trickfilm-Genre überall lauern.

So hoch die künstlerischen Qualität so chaotisch gelegentlich die Organisation: Halbstündige Wartezeiten in überhitzten Kinotreppenaufgängen sind für jeden Kinofan eine Zumutung, für Personen, die nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind, wachsen sie sich zu einer Totur aus. Solche Widrigkeiten trübten ab und an den Filmgenuß eines Festivals, das auch dieses Jahr wieder zu einem Höhepunkte im kulturellen Leben der Landeshauptstadt wurde. 


Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Südwestdeutschland. 

Thursday, 4 May 2017

Jazztrends: Alexander Hawkins

Über die Tradition hinaus

Der Pianist Alexander Hawkins ist eines der großen Talente der britischen Jazzszene

Alexander Hawkins Trio (Foto: C. Wagner)

cw. Die Formel könnte aus der konzeptionellen Kunst stammen: ein Pianist spielt in einem Stahlcontainer ein kurzes Stück für einen einzigen Zuhörer. Zwischen riesigen Konzertzelten, Imbißbuden und CD-Verkaufsständen stand auf dem Gelände des Cheltenham Jazzfestivals 2015 ein Metallbehälter mit der Aufschrift “jazz in the box”. Darin stand ein Klavier. Hier fanden an zwei Nachmittagen Blitzauftritte von ein paar der vielversprechensten Jazzpianisten Großbritanniens statt. Alexander Hawkins war einer von ihnen. Als die Zeit für mich als alleinigem Zuhörer im Minikonzert gekommen war, legte der junge Tastenvirtuose aus Oxford ein pfiffiges Kabinettstückchen hin, das von Ellington ausgehend, sich in eine perlende Tonkaskade verwandelte, um in einem Freejazz-Orkan zu enden. Hundert Jahre Jazzgeschichte auf die Länge von drei Minuten kondensiert – alle Hochachtung!

Am Abend zuvor hatte Hawkins ein reguläres Konzert mit der Vokalistin Elaine Mitchener gegeben. Das Programm bestand aus bekannten Jazzstandards, die auf derart originelle Weise verfremdet wurden, dass sie auf ganz neue Art zu leuchten begannen. Hawkins spannte den stilistischen Bogen weit, indem er geschickt die Tradition mit der abstrakten Moderne verquirlte, was eines seiner Markenzeichen ist.

1981 in Oxford geboren, wuchs Alexander Hawkins in einer Familie auf, in der Jazz zum Alltag gehörte. Am heimischen Klavier unternahm der Kleine erste musikalische Gehversuche, die mit sechs zu regulärem Pianounterricht führten, der bald von Orgelstunden abgelöst wurde. Im Teenageralter kam er auf den Geschmack für die swingende Musik. Trotzdem schrieb er sich nach dem Abitur in Cambridge nicht zum Musikstudium ein, sondern in Jura, das er mit dem Doktortitel abschloß. Allerdings hatte bereits während der Studentenzeit die Musik endgültig die Oberhand gewonnen, weshalb der Dr. jur. nun die Berufung zum Beruf machte und Jazzprofi wurde.
                                                                                                                                 Foto: C. Wagner
Hawkins kehrte nach Oxford zurück und tauchte in die kleine, aber vitale Improvisationszene seiner Heimatstadt ein. Musiker wie der Klarinettist Alex Ward und der Keyboarder Pat Thomas nahmen ihn unter die Fittiche. “Ich übte wie ein Besessener, um das spielen zu können, was mir im Kopf herumspukte,” erinnert sich der Pianist, dessen Übungseifer bis heute kaum nachgelassen hat. “Ich nahm mir Bach und Scarlatti vor, um der Architektur der großen Barockkompositionen auf die Spur zu kommen. Im Unterschied zum Jazz, der auf die einzelne Note im Kontext eines bestimmten Akkords fixiert ist, interessierte mich die übergreifende Konstruktion.”

Konzerte in London brachten Hawkins in Kontakt mit dem alten Adel der britischen Improvisationsszene: Lol Coxhill und Evan Parker wurden zu Mentoren, der Drummer Louis Moholo-Moholo holte ihn in seine Band. “Es ist schon merkwürdig, dass ich mit freier Improvisation ins Profimusikerleben einstieg, obwohl ich mich Jahre lang intensiv mit der Jazztradition beschäftigt hatte,” wundert sich der Pianist.

Bei einem Aufenthalt in New York lernte Hawkins den Drummer Harris Eisenstadt und den Kornettisten Taylor Ho Bynum kennen. Aus dieser Begegnung ging das Convergence Quartet hervor, eine Gruppe, die die Nahtstelle zwischen notierter Musik und freier Improvisation erkundet. “Offene Komposition” nennt Hawkins die Herangehensweise.

Zur Orgel – diesmal der Marke Hammond - kehrte er mit Decoy zurück, einem Trio mit Steve Noble (drums) und John Edwards (Baß), das gelegentlich durch die amerikanischen Saxofonisten Joe McPhee oder Marshall Allen vom Sun Ra Orchestra erweitert wird und viel Kritikerlob einheimste. Hawkins gewann an Profil und wurde in der englischen Musikpresse als “interessantester Hammondspieler der letzten Dekade” gepriesen.

Obwohl er weiterhin die spontane Begegnung bei Konzertauftritten oder im Studio sucht (ob mit den Schlagzeugern Han Bennink oder Louis Moholo-Moholo, den Saxofonisten John Surman bzw. Evan Parker oder wie beim Berliner Jazzfest 2016 mit dem amerikanischen Trompeter Wadada Leo Smith), stehen inzwischen die eigenen Gruppen im Vordergrund. Sein sechsköpfiges Ensemble mit dem Violinisten Dylan Bates (dem jüngeren Bruder von Django Bates) und dem Baßklarinettisten Shabaka Hutchings besticht durch eigenwillige Klangfarben, wobei die Arrangements viel Raum für spontanes Spiel lassen. “Meine Kompositionen sollen die Autonomie der Musiker nicht einschränken, sondern fördern und vergrößern,” erklärt der Bandleader.

Das Rhythmusgespann seines Sextetts (Tom Skinner, Schlagzeug und Neil Charles, Baß) die ebenfalls in der Ethiojazz-Combo des äthiopischen Vibrafonisten Mulatu Astatke für den Groove sorgt, ist auch im Alexander Hawkins Trio für die rhythmische Basis zuständig, obwohl die Rollen eigentlich laufend wechseln. Dabei geht das Trio nicht in die gleiche Richtung wie viele der aktuellen Jazzpianotrios - Hawkins schwebt etwas anderes vor. Sein Konzept zielt auf individuelle Unabhängigkeit in der Einheit als Gruppe: “Jedes Mitglied folgt seinem eigenen Kompass, ohne dass wir uns laufend aufeinander beziehen, wobei die Musik dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird.”

Zu den Gruppenaktivitäten kommen vermehrt Soloauftritte hinzu, bei denen Hawkins mit seinen profunden Kenntnisse der Jazztradition wuchern kann. Er liebt diese Dekonstruktionen der Tradition, wobei er die Kompositionen, ob von Ellington oder Monk, in ihre Einzelteile zerlegt, um sie danach wieder  - simsalabim - zusammenzubauen. Das geschieht alles völlig organisch - wie von Zauberhand! Allein auf der Bühne zu stehen, empfindet der Pianist jedesmal wieder als neue Herausforderung, gilt es doch, die Furcht vor der Stille nicht panisch mit einem Schwall von Noten zuzukleistern, sondern mit Ruhe, Konzentration und Verstand ans Werk zu gehen.

Auswahldiskographie:

Alexander Hawkins & Evan Parker: Leaps in Leicester (Clean Feed)
Alexander Hawkins Ensemble: Step Wide, Step Deep (Babel)
Alexander Hwakins Trio (AH Music)
Alexander Hawkins: Solo Piano - Song Singular (Babel)

Monday, 1 May 2017

Transatlantische Kooperation: Amok Amor

Trommelträume

Christian Lillinger über Kunst und Politik, das entgrenzte Schlagzeug und die Formation Amok Amor

                                                                                                                    
                                                                                                                      Foto: Lukas Hämmerle

Interview von Christoph Wagner

Gerade wurde ihm der SWR-Jazzpreis zuerkannt: Christian Lillinger ist einer der exponiertesten jungen Musiker der deutschen Jazzszene. Das musikalische Spektrum des Schlagzeugers reicht weit. Gerade ist die zweite Einspielung der Formation Amok Amor erschienen, die Lillinger im Kontext einer hochkarätigen internationalen Besetzung zeigt.


Wie kam Amok Amor zustande?

Christian Lillinger: Unser Trio mit Wanja Slavin (Saxofone) und Petter Eldh (Baß) wurde zum Festival „Bezau Beatz“ im Bregenzer Wald in Österreich eingeladen, bei dem auch der amerikanische Trompeter Peter Evans solo auftrat. Da wir Evans bereits kannten, haben wir die Chance genutzt, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Wir hatten eh vor, das Trio zu erweitern. Wir wollten im Soundspektrum größer werden. Da kam Peter Evans genau zur rechten Zeit. Amok Amor ist eine demokratische Band, für die jedes Mitglied Kompositionen schreibt. Wir haben ein erstes Album für Boomslang eingespielt, dann angefangen Konzerte und Tourneen zu absolvieren. Jetzt ist unser zweites Album bei Intakt erschienen.

Bei der Besetzung von Amok Amor denkt man unweigerlich an das legendäre Ornette Coleman Quartet mit Don Cherry. War das ein Leitstern?

Christian Lillinger: Überhaupt nicht, obwohl ein Quartett mit Altsaxofon und Trompete, dazu Schlagzeug und Bass, natürlich immer irgendwie diese Assoziationen hervorruft. Selbstverständlich kennen wir die klassischen Coleman-Aufnahmen. Sie sind Teil unseres jazzmusikalischen Unterbewußtseins, weil die Tradition uns viel bedeutet. Doch spielt Amok Amor viel mehr mit modernen Farben, die aus der avantgardistischen E-Musik, aus der Beatmusik, auch aus dem Hiphop kommen. Es ist eine Menge drin. Und es geht auch um eine politische Aussage. Wir positionieren uns gegen den neoliberalen Wahnsinn der Gegenwart. Der Titel „A Run through the neoliberalism“ ist als politische Stellungnahme gemeint. Es geht nicht immer nur um Musik. Es geht um mehr: Um die Haltung dahinter.

Wie sieht diese Haltung aus?

Christian Lillinger: Es geht darum, die Kunst als Kunst aufrecht zu erhalten gegen den kommerziellen Druck. Bei uns hat die Kunst Priorität. Wir wollen zuerst einmal eine Kunstform kreieren, wo nicht der erste Gedanke ist, wie wir sie tausendfach verkaufen können. Wir sehen den Jazz als forschende Musik in einer Entwicklung, die nie abgeschlossen ist. Es geht auf kreative Weise immer weiter. Natürlich kann das das Publikum herausfordern, ja provozieren, aber ohne neue Explorationen, entwickelt sich die Musik nicht weiter.

Du hast dich in der UDJ, der Union deutscher Jazzmusiker, engagiert. Mit welchem Ziel?

Christian Lillinger: Es geht immer noch darum, dass der Jazz als Kunstform anerkannt wird. Wir engagieren uns dafür, dass es für Jazz ganz selbstverständlich Subventionen gibt wie für andere Künste auch, dass die Spielstätten unterstützt werden. Wir müssen über das Minimum hinauskommen. Wir brauchen eine ordentliche staatliche Förderung wie sie die Neue Musik, die klassische Musik und die Oper genießen. Davon ist der Jazz noch weit entfernt. Die Musiker haben in der Vergangenheit politisch viel zu wenig getan. Da gibt es ein Defizit, das es auszufüllen gilt.

Dein Instrument ist das Schlagzeug. Von welcher Vision lässt du dich leiten?

Christian Lillinger: Für mich ist das Schlagzeug absolut gleichwertig mit jedem anderen Instrument. Ich will neue Dinge darauf machen. Ich will polyphon klingen, will Melodien, aber auch abstrakte Sachen spielen. Ich will irgendwie alles! Ob’s geht, wird sich erweisen. Meine Traumvorstellung ist, überall teilzuhaben: Mal Time spielen, mal die Form zerstören, dann wieder Strukturen aufbauen – all das gehört zu meinem Spektrum. Doch das muss man erst einmal physisch umsetzen können. Daran arbeite ich jeden Tag.

Auf welche Weise?

Christian Lillinger: Ich komponiere viel. Dabei schreibe ich gelegentlich meine Schlagzeugstimme aus. Dadurch lernt man viel über sich selbst, es führt dich über die Möglichkeiten hinaus, die schon da sind. Ich versuche meine eigenen Beats zu kreieren, indem ich sie aufschreibe. Dann improvisiere ich viel zuhause und analysiere mein Spiel. Ich will unabhängig von antrainiertem Zeug werden, das man nur abspult. Man muss sehr viel üben, um darüber hinaus zu kommen, dass man frei alles spielen kann, was einem in den Kopf kommt. Was ich höre, möchte ich aus dem Augenblick heraus spielen können. Das ist die Herausforderung, an der ich arbeite.
                                                                                                                                       Foto: Wanja Slavin



Woher kommt die Inspiration?

Christian Lillinger: Ich höre mir viele Drummer an. Ich lasse mich von Hiphop inspirieren oder von Neuer Musik. Von den alten Schlagzeugern ist Paul Lovens einer meiner Favoriten. Er ist ein großer Meister in seiner Form, wie er Musik setzt, wie er Strukturen bricht. Dann mag ich Jim Black, Tyshawn Sorey, Milford Graves. Das sind alles wichtige Namen. Dazu etliche deutsche Drummer: mein Kollege Oliver Steidle etwa, auch Jaki Liebezeit. Der ist interessant für bestimmte Sachen. Meine musikalischen Vorlieben reichen von freiem Jazz über Krautrock bis zu Hiphop und darüber hinaus. Es gibt viele Musiker, die mich in der einen oder anderen Weise inspiriert haben. Ich bin offen für alles, was gut klingt. Und dann muss man daraus sein eigenes Vokabular formen. 

Amok Amor: We know not what we do  (Intakt)

Das Interview erschien ursprünglich in JAZZTHETIK (Mai/Juni)  (Jazzthetik.de)

Friday, 28 April 2017

JAZZTRENDS: Intakt Festival in London

Alte und junge Wilde

Intakt Records aus Zürich zu Gast in London

 Drummer Louis Moholo-Moholo (Foto: David Laskowski)

cw. So ehrt London seine Jazzmusiker: Der Platz vor dem Dalston Culture House, einem modernistischen Flachdach-Bau im Stadtteil Dalston, ist nach Derek Bailey (1930 – 2005) benannt. Das macht Sinn, beherbergt das Gebäude doch eines der Zentren für zeitgenössischen Jazz in der englischen Hauptstadt: den Vortex Jazzclub, wo der Freejazzgitarrist häufig aufgetreten ist.

Von Ostern an hätte der Club eigentlich die Schweizer Fahne hissen können, denn zwölf Tage lang gestaltete das Zürcher Schallplattenlabel Intakt Records das Programm. Es präsentierte eine hochkarätige Liste eidgenössischer Jazzmusiker häufig in Kombination mit englischen Kollegen, dazu Improvisatoren aus Deutschland, Japan, den USA, Südafrika und der Elfenbeinküste, die alle zum Stall von Intakt gehören. 

Vor vollem Haus eröffnete der Bassist und Komponist Barry Guy aus Anlaß seines 70. Geburtstags die Konzertreihe. In mehreren knappen Sets präsentierte sich der Engländer, der seit längerem in der Schweiz lebt, mit verschiedenen Partnern, wie dem Saxofonisten Evan Parker, der Barockviolinistin Maya Homburger oder einem Trio mit dem Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli und dem Engländer Howard Riley. Mit dem Pianisten spielte Guy bereits vor 50 Jahren zusammen, als beide noch zur Clique der jungen Wilden gehörten, die in der Themsestadt die Freejazz-Revolution ausriefen.

Zwei Abende später abermals ein Treffen großer Namen: Aus Zürich war die Pianistin Irène Schweizer angereist und hatte den südafrikanischen Schlagzeuger Louis Moholo-Moholo zum Tête-à-Tête geladen. Die beiden kennen sich seit den 1960er Jahren aus dem Zürcher Africana-Jazzclub. Über die Jahre haben sie immer wieder miteinander musiziert, was eine große Vertrautheit wachsen ließ: Mit blindem Verständnis zauberten sie eine dicht gesponnene Improvisationsmusik voller Dynamik und Intensität.

Bei aller Hochachtung vor den Pionieren kam die junge Generation dennoch nicht zu kurz. Vom coolen Elektrojazz von Weird Beard über die explosive Perkussion von Julian Sartorius (der mit dem englischen Tastenmann Steve Beresford auftrat) bis zu den spannungsreichen Songs von Sarah Buechi & Shadow Garden wurde das Terrain des aktuellen Jazz immer wieder neu vermessen.

Pianist Stefan Aeby, der sich schon mit Sarah Buechi bestens eingeführt hatte, schlug mit seinem Trio anfangs eher poetische Töne an, die sich dann allmählich zu einem ekstatischen Furioso steigerten. Bassist André Pousaz, in der Bühnenmitte positioniert, sorgte mit federndem Pizzicato für ein tragfähiges Fundament. Das nutzten Drummer Michi Stulz und Stefan Aeby, um sich in virtuoser Manier die Bälle zuzuspielen, wobei der aktustische Pianoklang sich mittels Laptop gelegentlich in bunt schillernde Elektroniksounds verwandelte.

Mit dem Festival in London hat Intakt Records nicht nur sein Profil als eines der wichtigen europäischen Jazzlabels schärfen können, sondern insgesamt das Ansehen des Schweizer Jazz gehoben. Der große Zuspruch von Seiten des englischen Publikums und der Medien belegte mit Nachdruck, dass auf internationaler Ebene auch mit dieser Sparte Schweizer Kultur zu punkten ist.

Thursday, 30 March 2017

Jazztrends: INDIRA mixt Jazz und indische Klänge

Düfte des Orients

Das Indira Quartet schlägt den Bogen von Südwestdeutschland nach Indien


cw. Die gegenseitige Befruchtung von europäischer und indischer Musik hat eine lange Tradition: In den 1960er Jahren war es vor allem der Sitarspieler Ravi Shankar, der die Fusion vorangetrieben hat und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte, wozu seine Freundschaft mit den Beatles wesentlich beitrug. John McLaughlin und seine Gruppe Shakti knüpfte daran an. Jetzt nimmt die südwestdeutsche Gruppe Indira um die Sängerin Fauzia Maria Beg den Faden wieder auf. Gerade ist ihr neues Album mit dem Titel „Do“ (dml-Records) erschienen, das bei einer CD-Taufe am 31. März im Stuttgarter „Einklang“ am Charlottenplatz der Öffentlichkeit vorgestellt wird (Beginn: 20 Uhr).

Fauzia Beg stammt aus Mumbai, lebt aber schon seit 1989 in Baden-Württemberg. In Indien gehörte sie der katholischen Minderheit an, aus der sich die Pop- und Unterhaltungsmusiker rekrutieren. Schon als Teenager absolvierte sie erste Engagements in Hotelbars und auf Kreuzfahrtschiffen, bevor sie 1989 auf einer Urlaubsreise durch Deutschland hier hängen blieb.

Musikalisch ist Beg immer zweigleisig gefahren: Sie hat sich nicht nur als Jazzsängerin profiliert, sondern sich auch die Leidenschaft für die Musik ihres Heimatlands bewahrt, wobei sie mit Indira die fernöstliche Tradition mit Jazz und Latin-Einflüssen zu einem aufregenden Mix verbindet, der auch schon mal in experimentelles Klanglandschaften ausbrechen kann.

Im Indira Ensemble, das schon seit 2004 besteht und 2010 mit dem „Creole“-Weltmusikpreis ausgezeichnet wurde, hat sie einige der besten Musiker der südwestdeutschen Szene um sich geschart. Auf dem elektrischen Cello brilliert Fried Dähn mit weiten Melodiebögen, der einst mit Frank Zappa auf seinem letzten Album „Yellow Shark“ zusammengearbeitet hat. Holzblattbläser Frank Kroll ist ein Musiker der Gegensätze: Er spielt sowohl das hohe Sopransaxofon als auch die tiefe Baßklarinette auf höchst überzeugende Weise, ob als Begleitinstrument oder in expressiven Soli. Ebenso flexibel agiert Perkussionist Uwe Kühner. Er setzt neben dem Schlagzeug noch ein ganzes Arsenal an ungewöhnlichen Trommelinstrumente ein, die von Klangschalen über Gongspiele bis zum sogenannten ”waterphone“ reicht, bei dem es sich um ein Instrument mit einem wassergefüllten Korpus und metallernen Lamellen handelt, die gezupft werden. Dazu spielt er das Hang, eine Art moderne Steeldrum.

Fauzia Beg singt in englisch, manchmal mit ein paar Wortfetzen Hindi durchsetzt oder auf Hinglish, einem Slang aus Mumbay, der englisch und Hindi vereint. Und öfters singt sie auch ganz ohne Worte in einen atemberaubenden „Skat“-Stil, der in rasanten Zickzack-Melodien synchron zu den komplexen Ryhthmen der Trommeln verläuft. Indira schlägt den Bogen von Südwestdeutschland nach Indien – auf imposante Weise.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Zeitung in Baden-Württemberg