Sunday, 15 January 2017

Gruppenmusik: der Drummer JIM BLACK

Die Magie des Augenblicks

Der amerikanische Schlagzeuger und Bandleader Jim Black lebt momentan in Berlin und macht mit zwei neuen Gruppen Furore


cw.Jim Black (Jahrgang 1967) war der “shooting star” im Jazz der 1990er Jahre. Damals ließ er im Trio mit Ellery Eskelin und Andrea Parkins aufhorchen,  dazu als Sideman von Dave Douglas, Uri Caine oder Tim Berne. Pachora und Alas No Axis hießen seine eigenen Bandprojekte, mit denen er seinen Ruf zementierte, einer der besten Drummer und kreativsten Musiker der aktuellen Szene zu sein. Jetzt legt er mit zwei neuen Gruppen nach.

Du lebst momentan in Berlin. Wieso?

Jim Black: Ich habe eine Gastprofessur am Berliner Jazz-Institut, wo ich für sechs Monate meinen Freund John Hollenbeck vertrete. Es war der ideale Anlaß, einmal nach Berlin zu ziehen und in die dortige Szene einzutauchen nach 25 Jahren in New York.

Hast du vor länger zu bleiben?

Keine Ahnung. Ich denke, dass sich für mich durch den Ortswechsel nicht allzu viel ändern wird. Ich verlagere nur meine Basis, mein Musikerleben wird das gleiche bleiben. Ideal wäre wohl, mit einem Bein in New York und mit dem anderen in Berlin zu stehen. Ich plane nicht weit im voraus, sondern lebe mein Leben von einem Monat zum nächsten, weshalb es mir schwerfällt irgendwelche Prognosen zu machen.

Welchen Eindruck hast du von der Berliner Jazzszene?

Ich habe das Gefühl, dass sich die Berliner und die New Yorker Szene nicht so stark von einander unterscheiden. Es gibt fantastische Musiker in beiden Städten. Was die Auftrittssituation betrifft, gibt es ebenfalls Ähnlichkeiten: Gelegentlich läßt man bei Konzerten den Hut rumgehen. Ein Unterschied ist jedoch: Mit dieser Methode kann man in Berlin ganz gut Geld verdienen - in New York nicht. Darüber hinaus gibt es natürlich in beiden Städten etliche Clubs und Auftrittslokale, wo regulärer Eintritt bezahlt wird und die Musiker eine feste Gage bekommen. Was die Qualität der Musiker anbelangt, gibt es zwischen den USA und Europa keinen Unterschied mehr. Die besten spielen heute weltweit auf gleich hohem Niveau - eine einzige große Party.

Das spiegelt sich in deinen verschiedenen Gruppen wider. Du arbeitest häufig mit Europäern zusammen…..

Schon immer! Frank Möbus, der Berliner Gitarrist, ging mit mir aufs College und brachte mich danach als erster nach Europa. Das war 1989. Damals lebte ich mit Chris Speed für ein halbes Jahr in Deutschland. Wir hatten ein Trio mit Möbus und traten überall auf. Wir spielten unsere eigene Musik und wurden dafür auch noch bezahlt, was unglaublich war für drei Burschen, die frisch vom College kamen. Seither war ich wieder und wieder in Europa und habe hier vielleicht mehr Zeit verbracht als in den Staaten.

Gerade ist das Debutalbum deines neuen Trios erschienen….

10 Jahre lang komponierte ich die Musik für meine Gruppe Alas No Axis auf der Gitarre. Dann verliebte ich mich erneut ins Klavier. Bei einem Workshop in Salzburg begegnete ich diesem absolut superben jungen Pianisten: Elias Stemeseder. Wir spielten danach weiter zusammen. Ich besuchte ihn und seine Familie auf ihrem Bauernhof in der Nähe von Salzburg. Er ist der erste Musiker in einer Familie von Bauern, deren Geschichte vierhundert Jahre zurückreicht. Stemeseder war der Grund, dieses Trio zu gründen. Ich bin doppelt so alt wie er, aber wir liegen absolut auf der gleichen Wellenlänge. Wir nahmen Thomas Morgan als Bassist dazu. Mit ihm hatte ich zuvor nur ein paar Mal in New York gespielt und suchte nach einer Gelegenheit, die Zusammenarbeit zu intensivieren.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit über solch weite Distanzen?

Ich schreibe die Musik im Wissen, dass zwei bis vier Bandproben genügen, um die Kompositionen auf das Niveau für eine Plattenaufnahme zu heben, derart versiert sind meine Bandkollegen. Wenn man dann auf Tourneen jeden Abend zusammenspielt, entsteht eine zusätzliche Intimität. Unser Repertoire ist völlig offen. Es können meine Kompositionen sein oder Standards, wir können frei improvisieren oder über ein Thema – alles ist möglich. Wir zerbrechen uns nicht die Köpfe darüber, sondern spielen einfach drauflos und sehen, was dabei herauskommt. Das ist das tolle an dieser Band, dass sie musikalisch äußerst wendig, flink und flexibel ist.

Was unterscheidet dein Pianotrio von den vielen anderen Gruppen in dieser Besetzung?

Es wäre mir im Traum nicht eingefallen, ein Jazzpianotrio zu gründen. Aber ich erinnerte mich an das Trio von Paul Motian mit Joe Lovano und Bill Frisell, was für mich die ultimative Band war. Sie haben mir ein Licht aufgesetzt, wie man Musik als Gruppe macht. Mit solch intensivem Interplay, so sensibel und mit solch offenen Ohren habe ich selten eine Gruppe spielen gehört. Dieses Trio ist das Vorbild für jede meiner Bands. Was nun das Jazzpianotrio betrifft, lerne ich immer noch, welche Möglichkeiten an Klangfarben und dynamische Abstufungen es bietet. Wie kann man mit einem Pianotrio wie eine Rockband klingen oder Ambient Music machen? Die Palette ist längst nicht ausgereizt. Jeder Moment unseres Zusammenspiels enthält alle nur erdenklichen Möglichkeiten. Von diesem Gedanken lassen wir uns leiten. Es geht weniger um Soli, sondern um das kollektive Zusammenspiel. Es ist Gruppenmusik, die sich der Magie des Augenblick hingibt.

 
Gilt das auch für dein neues Quartett Malamute?

Absolut! Neben Elias Stemeseder sind der New Yorker Bassgitarrist Christopher Tordini und der isländische Tenorsaxofonist Oskar Gudjonsson mit von der Partie, der äußerst gedämpft spielt wie ein moderner Stan Getz. Um was geht es? Wir suchen nach einem anderen Zugang zum Quartettspiel, einem Ansatz, der sich von meinen früheren Quartetten abhebt. Ich machte Elias Stemeseder den Vorschlag, ausschließlich Synthesizer zu spielen, damit der Gruppensound elektronischer wird. Es ist Musik mit geringer Aufmerksamkeitsspanne, fast wie ein ‘Mixtape’, wo viele divergierende Stile und Stimmungen rasch aufeinander folgen. Laufend wechseln die Farben, die Grooves und die Melodien. Eine enorme Palette an Möglichkeiten tut sich auf – alles frei improvisiert. Es ist wie DJ-Culture, die alles miteinander mixt. Das Konzept basiert auf der Einsicht, dass alle Musik gleichwertig ist und es keine Hierarchie der Stile gibt. Früher verlangten Leute gelegentlich ihr Eintrittsgeld bei meinen Konzerten zurück, weil meine Band nicht das spielte, was sie erwarteten. Das gibt es heute nicht mehr. Die Leute sind offener geworden. Sie sind neugierig und haben einen viel weiteren Horizont als damals. Da klingen Stilbegriffe wie “Rock” oder “Jazz” ziemlich überholt. Heute bewegen wir uns musikalisch in freiem Gelände. Grenzen existieren kaum mehr.

Welchen Einfluß hatten deine musikalischen Erfahrungen der letzten 25 Jahre auf dein Schlagzeugspiel. Spielst du heute anders Drums?

Ich arbeite im Moment an einem Album mit der New Yorker Songwriterin Emma Frank. Dabei versuche ich, nicht wie ein normaler Rockschlagzeuger zu klingen, sondern urtümlichere Klänge, Geräusche und Rhythmen zu finden. Ich plane reduzierter zu spielen - unkonventioneller, erdiger, archaischer. Es kommt mir nicht darauf an, technisch ein besserer Drummer zu werden, sondern ein besserer Musiker, was nicht unbedingt das gleiche ist.

Jim Black Trio: The Constant (Intakt)

Jim Black: Malamute (Intakt)

17.01.2017 BERLIN/Germany - Tiyatrom
20.01.2017 ROTTERDAM/Netherlands - Lantaren Venster
21.01.2017 GENEVA/Switzerland - A.M.R.
22.01.2017 FRANKFURT/Germany - Titania
23.01.2017 WIEN/Austria - Porgy & Bess Jazz Club
24.01.2017 PARIS/France - La Dynamo de Banlieues Bleues

Das Interview erschien zuerst in der Zeitschrift JAZZTHETIK (jazzthetik.de)

Friday, 30 December 2016

PATTI SMITH zum 70sten

Punk und Poesie

Die amerikanische Rockmusikerin und Schriftstellerin Patti Smith feiert 70. Geburtstag


cw. Nicht erst seit der Entgegennahme von Bob Dylans Nobelpreis macht die amerikanische Rocksängerin Patti Smith auch in der Literaturszene von sich reden. Nachdem sie in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre als Punkrockerin zu weltweiter Berühmtheit kam, hat sie sich in den letzten Jahren mehr und mehr dem Schreiben zugewandt.

“Just kids” lautete der Titel ihres Buchdebuts vor sechs Jahren. Das Werk erzählt von Patti Smiths Freundschaft mit dem amerikanischen Fotografen Robert Mapplethorpe und ihrer gemeinsamen Zeit im New York der frühen siebziger Jahre – ohne Geld, dafür mit um so größerem Hunger auf die Großstadt und die Künste.

Smith trieb sich damals in der aufkeimenden Punkbewegung herum, formierte eine Band und wurde vom Talentsucher einer großen Plattenfirma entdeckt. Bereits mit ihrem ersten Album “Horses” glückte ihr der Durchbruch. Die LP wurde ein weltweiter Erfolg, wozu auch John Cale von Velvet Underground beitrug, den Smith als Produzenten gewinnen konnte. Das Cover der Platte ziehrte ein heute berühmtes Fotoportrait von ihr, das ihr Freund  Robert Mapplethorpe geschossen hatte. Die LP machte die Sängerin zu einer Gallionsfigur der New Yorker Punkszene, die im berühmten CBGB-Auftrittslokal in Downtown-Manhattan ihr Hauptquartier hatte, wo die Patti Smith Group neben Bands wie Blondie und The Ramones regelmäßig auftrat. 
Mit Songs wie “Ghost Dance”, aber vor allem “Because the night”, das sie zusammen mit Bruce Springsteen geschrieben hatte und auf dem Album “Easter” von 1978 enthalten war, festigte sie ihren Ruf, eine der besten Songwriterinnen nicht nur der Punk-Ära zu sein. Jetzt ist aus der Liedermacherin eine Schriftstellerin geworden.

Dieses Jahr ist ihr zweites Werk namens “M Train” auf deutsch erschienen. “Mind Train” (= Gedankenzug) folgt keiner Chronologie, sondern verknüpft auf lose Weise Ereignisse und Gedanken, Träume und Tagträume in assoziativer Manier. Die Rockdiva erzählt darin von ihren Reisen auf den Spuren verstorbener Künstler und Literaten – ihren Idolen! Solche Exkursionen führten sie an das Grab der Lyrikerin Sylvia Plath in Heptonstall, Nordengland, auch zu den Ruhestätten von Goethe und Schiller in Jena. Die Wirkungsstätte von Frida Kahlo nahm sie in Mexiko in Augenschein und reiste nach Tanger zum Schriftsteller Paul Bowles.

Die wichtigste Person in Smiths Erwachsenenleben war Ehemann Fred “Sonic” Smith, einst Gitarrist der Detroiter Rockband MC5. Um sich dem Partner und ihren beiden Kindern zu widmen, zog sich der Rockstar 1980 fünfzehn Jahre lang nahezu vollständig aus dem Popgeschäft zurück. In einem Vorort der Autostadt Detroit, wo der Ehemann aufgewachsen ist, führte die Familie ein ruhiges Leben. Als ihr Lebensgefährte 1994 mit 45 Jahren einem Herzinfarkt erlag, riß das ein klaffendes Loch in Patti Smiths Existenz, gegen das sie seither ansingt und anschreibt. Nur ganz allmählich und zögerlich kehrte sie in die Rockszene zurück.

Zu den literarische Reisen kommen regelmäßige Tourneen. Da verwundert es kaum, dass sich Smith daheim als Gewohnheitstier entpuppt. In Greenwich Village in Manhattan, wo sie heute wieder wohnt, setzt sie sich jeden Morgen in ihr Stammcafé gleich um die Ecke -  immer an den selben Tisch und immer auf den selben Stuhl. Auch die Bestellung ist immer die gleiche: schwarzer Kaffee, Vollkorntoast und Olivenöl. Dann macht sie Notizen, schreibt ein paar Zeilen, träumt in den Tag hinein und hängt Erinnerungen nach. Solche vertrauten Orte sorgen für Stabilität in ihrem Leben. “Ich sehne mich nach dem frühen Zustand der Dinge,” erklärt Patti Smith, was für eine romantische Utopistin wie sie, die an die subversive Macht der Träume glaubt, eine bemerkenswerte Feststellung ist.

Tuesday, 27 December 2016

WEIRD BEARD: Schweizer Szene

Cooljazz im digitalen Zeitalter

Die Schweizer Indie-Jazz-Formation Weird Beard bewegt sich gekonnt zwischen schwebenden Saxofontönen und bunt schillernder Elektronik



cw.Epochale Stilumbrüche stehen heute im Jazz kaum mehr auf der Tagesordnung. Das radikal-innovative Potenzial der einstigen “Fire Music” scheint aufgebraucht. Die Revolution ist der Evolution gewichen. Heute ist es eher die kreative Kombination bekannter Elemente und Formen, aus der junge Musiker und Musikerinnen Funken schlagen, wobei in den digitalen Sounds noch zahllose ungenutzte Möglichkeiten schlummern. Neuerungen kommen auf leisen Sohlen daher und gehen subtil vonstatten. Behutsamer Umbau statt Totalumwälzung, heißt das Gebot der Stunde. “Everything Moves” hat die Schweizer Formation Weird Beard ihr zweites Album genannt, was keine schlechte Zustandsbeschreibung der aktuellen Situation ist.



Weird Beard bewegen sich geschickt in dieser neuen Jazzgegenwart. Bandleader Florian Egli, der alle Kompositionen schreibt und Altsaxofon spielt, wirft einen frischen Blick auf vergangene Epochen, klopft sie nach brauchbaren Ideen ab, die dann mit Bausteinen aus Indie-Rock, Minimal Music oder Elektronik vermischt werden. “Eigentlich komme ich aus der klassischen Musik,” räumt Egli ein, was fast wie eine Entschuldigung klingt. “Deshalb sind mir Form, Entwicklung, Harmonik und Kontrapunkt als kompositorische Elemente wichtig. Wenn ich ein neues Stück entworfen habe, bringe ich es in ausgedünnter Form in den Proberaum, wo es eine moderne Gestalt erhält. Ich akzeptiere, dass eine Nummer am Ende anders klingt, als ich mir das ursprünglich vorgestellt habe, nämlich viel besser, weil meine Mitmusiker Experten auf ihren Instrumenten sind und Ideen einbringen, von denen ich nicht einmal geträumt hätte. Man muss ihnen nur die nötige Freiheit geben und schon brüten sie die fantastischsten Sounds und Grooves aus.”  

Florian Egli pflegt einen gedämpften Saxofonton, wie er im Cool Jazz der 1950er kultiviert wurde und der immer auch das Atemgeräusch einbezog. Doch sind seine Einflüsse breiter gestreut. “Ich habe vor zwei Jahren eine CD namens “Bird eingespielt in Bebop-Manier – eine Hommage an Charlie Parker. Cannonball Adderley fand ich schon immer cool, aber am stärksten in den Bann zogen mich die Westcoast-Saxofonisten: Paul Desmond, Lee Konitz und vor allem Warne Marsh,” umreißt Egli die Bandbreite an Vorbildern. “Doch bedeuten diese Einflüsse garnichts in Bezug auf Weird Beard. Ausschlaggebend war, dass die Westcoast-Spielweise optimal in unser Konzept passte. Nur deshalb spiele ich ‘cool’! Unser moderner Sound samt Elektronik verlangt geradezu nach diesen schwebenden abgeklärten Saxofontönen.”

Eglis gehauchte Melodien sehen sich von Gitarrist Dave Gisler in Texturen aus schillernden Akkorden gehüllt, die mit Halleffekten noch verfremdet werden. Martina Berthner sorgt mit wuchtige Bassläufe für Dampf und steuert zusätzliche elektronische Sounds bei – immer fein dosiert. “Die Gegenwart steht im Zeichen der Elektronik, weshalb es keinen Sinn macht, auf diese Möglichkeiten zu verzichten,” erklärt Bandleader Egli. “Wir haben viel experimentiert, bis wir am Ende zu dem Schluß gekommen sind, die Elektronik dezent einzusetzen. Dave Gisler produziert diese Collagen, speist Fremdeinspielung ein und erzeugt synthetische Sounds mit Ringmodulatoren. Und Martina Berthner hat noch mehr von diesen Klänge in petto. Letztlich geht es um Farben, um eine reichhaltigere Palette, nicht um Effekthascherei. Ich habe zuerst auch mein Saxofon elektrifiziert und über Effektgeräte gespielt, aber dann haben wir bemerkt, dass der gehauchte Saxofonton eigentlich einen viel reizvolleren Kontrast zur bunt schillernden Elektronik darstellt.”

Für die Grooves ist Schlagzeuger Rico Baumann zuständig, den Egli schon kannte, bevor es Weird Beard überhaupt gab. Als der Saxofonist dann 2007 die Gruppe aus der Taufe hob, um an der Musikhochschule in Zürich sein Master-Abschlußkonzert zu bestreiten, war klar, dass Baumann hinter den Trommeln sitzen würde. Die Rhythmen, die er entwirft, klingen oft nach Indie-Rock, folgen aber keinen gängigen Schema. “Creative Grooves” nennt Baumann seine Herangehensweise, die versucht, nicht statisch immer wieder die gleichen Schlagmuster zu reproduzieren, sondern bei jedem Stück jedes Mal wieder einen etwas anderen Rhythmus zu (er)finden.

Gelegentlich erzeugen Weird Beard fast lyrische Stimmungen, schwelgen in romantischen Klangträumereien. Doch nicht lange, und schon geht es wieder handfester zur Sache. Dann greifen die Musiker abermals mächtig in die Saiten und treten in ihre Soundpedale bis Splitterklänge und verzerrte Sounds das Feld bestimmen. Ein kompakter Beat kombiniert mit einem treibender Baß sorgen mächtig für Drive, über dem sich ein röhrendes Saxofon erhebt. Egli kann auch “Brötzmann”! Von Cooljazz über Rockjazz zu Freejazz, von Pop über Ambient zu Indie – bei Weird Beard ist alles in Bewegung: Everything moves!


Florian Egli Weird Beard: Everything Moves (Intakt)  

Tuesday, 20 December 2016

Neue CD 'LAUTyodeln': Von den Alpen bis in den afrikanischen Regenwald

Stimmentgrenzung

Eine CD stellt das Jodeln in seiner weltweiten Vielfalt vor 



Christian Zehnder
cw. Wer glaubt, dass das Jodeln eine rein alpenländische Angelegenheit ist, muß sich eines besseren belehren lassen: Das “unartikulierte Singen aus der Gurgel”, wie es einst beschrieben wurde, ist ein nahezu weltweites Phänomen! Es reicht von traditionellen Gesängen aus dem afrikanischen Regenwald über “American Yodeling” im Bluegrass-Stil bis zu experimenteller Stimmakrobatik avantgardistischer Prägung. Eine neue CD mit dem Titel “LAUTyodeln – fern, nah, weit”, die beim Münchner Trikont-Label erschienen ist, spürt dem Jodeln in seiner universalen Vielfalt nach. Es sind die besten Aufnahmen eines Jodel-Festivals, das im Juni 2016 vom Kulturreferat der Stadt München, Abteilung: Volkskultur, veranstaltet worden ist.
Schon Ende des 18. Jahrhunderts griff das Jodeln über die Alpen hinaus: Es wurde zum Exportschlager. Sängergruppen aus Tirol brachen damals bereits zu Tournee auf, um überall in Europa Jodelkonzerte zu geben. Die Auftritte der “Nationalsänger” waren so spektakulär, dass sie bald von Adligen eingeladen wurden, um ihre “wilden unnachahmlichen Lieder” bei Hofkonzerten darzubieten. Selbst vor Königin Victoria von England präsentierten sie ihre Stimmkunst.


                                                                                                        Tyrolese minstrels aka The Rainer family
Danach setzten die “tyrolese minstrels” nach Amerika über. Mit ihren Liedern im “mountain style” hatten sie überwältigenden Erfolg. Zuerst griffen amerikanische Sängergruppen den Gesangstil auf, dann singende Komiker in sogenannten “Minstrel Shows”. Danach hielt das Jodeln durch schwarze Entertainer in Variety-Shows Einzug. Anfang der 1920er Jahre wurde auch die frühe Countrymusik infiziert. Im Zuge der Popularität von Jimmie Rodgers jodelte bald jede Hillbilly-Band. Rodgers “Blue Yodels” waren so allgegenwärtig, dass eine Firma für ihre Schallplatten mit dem Aufdruck warb: “Guaranteed – no yodelling!"
An diese Tradition knüpft heute die Berliner Gruppe Yellow Bird an. Die Sängerinnen Manon Kahle aus den USA und die Schweizerin Lucia Kodatsch, vormals bei der Gruppe Schneeweiss & Rosenrot, sorgen für gefühlsstarken Harmoniegesang mit kräftigem Stimmüberschlag.
Infiziert durch den Jodel-Boom griffen zwischen den Weltkriegen auch schwarze Bluessänger den populären Gesangstil auf und bauten Jodelrefrains anstelle kurzer Gitarrenläufe in das zwölftaktige Bluesschema ein. Das Münchner Blues-Duo Black Patti hat ein paar dieser Bluesnummern im Repertoire.

Baka Beyond


Im afrikanischen Regenwald hat das Jodeln heute noch eine ähnliche Funktion wie einst in den Alpen - als Medium der Kommunikation über weite Entfernungen. Beim Volk der Baka in Kamerun wird es bei der Jagd eingesetzt. Mit den “Yelli” locken die Jäger die Tiere an. Gleichzeitig wird das Jodeln aber auch zu rituellen Zwecke benutzt, um mit den Vorfahren in Verbindung zu treten. Möglicherweise war das für die Filmemacher von “Tarzan” die Anregung, den Tarzanruf (engl. ”Tarzan Yell”) an Jodelrufen aus dem afrikanischen Regenwald auszurichten. Johnny Weißmüller machte den Schrei mit Stimmüberschlag ab 1932 in zahlreichen Filmen weltbekannt.

Heute wird der Jodelgesang aus dem afrikanischen Regenwald von der englischen Gruppe Baka Beyond bekannt gemacht. Die beiden Leiter der Band, Martin Cradick und Su Hart, verbringen jedes Jahr ein paar Monate beim Volk der Baka in Kamerun. Die kulturellen und musikalischen Erfahrungen, die sie dort gesammelt haben, fließen in ihr Bandprojekt ein. Die “Yelli”-Gesänge werden mit keltischem Folkrock und Afro-Beat zu einem aufregenden Weltmusik-Mix verbunden.

Monika Drasch
Kreative Stimmkünstler haben sich längst der exaltierten Gesangstechnik angenommen, wobei Monika Drasch (ex-Bairisch-Diatonischer Jodelwahnsinn) die “Ari” aus ihrer niederbayerischen Heimat in moderne Klangwelten überführt. Solch ernsthafte Traditionspflege grenzt sich scharf von der populären “Volksmusik”-Szene ab, in der das Jodeln seit Jahrzehnten Triumphe feiert. Lange dominierte dort der Münchner “Jodel-König” Franzl Lang die Szenerie, in der auch jodelnde Japaner mit Lederhosen und Tirolerhüten für Aufsehen sorgten. Unlängst landete Andrea Wittmann aus dem Chiemgau in den Schlagzeilen: Mit 15 Stunden und 11 Sekunden brach sie den Weltrekord im Dauerjodeln.

Mit den kreativen Jodelexperimenten, wie man sie von Erika Stucky kennt, hat das wenig zu tun. Die Schweizer Vokalistin ist eine Unangepasste und Grenzgängerin, die sich leichtfüßig zwischen den unterschiedlichsten Musikstilen bewegt, sie zerlegt, durcheinanderwirbelt und auf verblüffende Weise wieder zusammensetzt. Wilde Jodelsongs sind Teil ihres Soloprogramms, in welchem ihr gesangliches Talent und ihre schauspielerische Exzentrik voll zur Geltung kommen.

Für kreative Stimmentgrenzung steht auch Christian Zehnder aus Basel. Er sorgt mit einer Palette archaischer Singtechniken für Furore. „Das Jodeln führt direkt in schamanistische, rituelle Techniken hinein”, sagt Zehnder. “Da besteht zwischen einem Jodel aus dem Muotatal und den Rufen der Pygmäen im afrikanischen Regenwald kein großer Unterschied mehr.“

CD:
Erika Stucky, Christian Zehnder, Yellow Bird, Baka Beyond, Black Patti, Monika Drasch & Freinds, Natur Pur u.a.: LAUTyodeln – fern, nah, weit (Trikont)

Monday, 5 December 2016

Südafrika bei SWR-Jazzsession

Einblicke ins Klanglabor

Fünf Musiker präsentierten im Tübinger Sudhaus aktuellen Jazz aus Afrika

Kyle Shepherd am Piano 

cw. Um der Unterdrückung durch das Apartheid-Regime zu entgehen, flohen etliche Jazzmusiker und Jazzmusikerinnen aus Südafrika in den 1960er Jahren nach Europa und in die USA. Dollar Brand, der sich später Abdullah Ibrahim nannte, Miriam Makeba und Hugh Masakela waren nur die bekanntesten dieser Exilanten. Mit Melodien und Harmonien aus der schwarzen südafrikanischen Volksmusik mischten diese Musiker den Jazz auf.

Die fünf jungen Jazzer, die am Wochenende unter dem Motto “Klangbilder aus dem heutigen Afrika”, bei der alljährlichen SWR-Jazzsession im Tübinger Sudhaus zu hören waren, hätten die Enkel dieser ersten südafrikanischen Exilmusiker sein können. Der 28jährige Pianist Kyle Shepherd, der aus Kapstadt stammt, hatte die Gruppe zusammengestellt und eine Woche im SWR-Studio in Baden-Baden ein Programm einstudiert, das ein breites Spektrum an zeitgenössischen Stilen umfasste.

Es begann im Inneren des Flügels, wobei Shepherd Papier auf die Saiten legte, um einen schnarrenden Ton zu erzielen, mit dem er offensichtlich den Klang des südafrikanischen Daumenklaviers  nachahmen wollte. Gitarrist Lionel Loueke, der ursprünglich aus Benin stammt, aber heute in den USA mit Wayne Shorter und Herbie Hancock musiziert, nahm den Impuls auf und brachte ähnlich verzerrte Gitarrentöne in die Improvisation ein. Danach wurde der stilistische Horizont weit aufgerissen: von Fusion-Jazzrock über swingenden Modernjazz bis zu Weltmusik-Anklängen kam vieles zu Gehör, was manchmal doch recht beliebig wirkte. Den Gravitationspunkt bildete der traditionelle Jazz aus Südafrika, auf den sich die Gruppe immer wieder bezog. Dieser “Mirabi”-Stil stammt aus den ehemaligen Townships stellt eine Mixtur aus südafrikanischer Folklore, den Kirchenhymnen protestantischer Missionare und dem Hardbop-Jazz der 1950er Jahre dar, was eine wunderbare Synthese ergibt: die singbaren Melodien und wohligen Akkorden klingen für europäische Ohren sonderbar vertraut. 


Im vollgefüllten Tübinger Sudhaus konnte das Publikum von diesen folkloristischen Anlehnungen nicht genug bekommen und erklatschte eine Zugabe nach der anderen. Den Anspruch, ein Wegweiser in die Zukunft des Jazz zu sein, konnte die SWR-Jazzsession damit allerdings nicht einlösen. Für ein solches Unterfangen reicht in der gegenwärtigen Situation des zeitgenössischen Jazz, die weithin von Stagnation und Redundanz gekennzeichnet ist, eine Woche im Experimentierlabor einer Rundfunkanstalt wohl doch nicht aus.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote.