Monday, 21 August 2017

Simon Steiner stellt sein neues Buch vor: PUNK IN STUTTGART

Release Party: 15. September 2015, 19 Uhr, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, Schloßplatz 2
Im Rahmen der 4-wöchigen Ausstellung WIE DER PUNK NACH STUTTGART KAM

Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging

Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle in Stuttgart und der Region, 1978-1983. Punk tobte in Kaputtgart. Zwischen Wald und Reben und Hängen und Würgen krachte es gewaltig. 
Simon Steiner stellt die verschiedenen Bands unterschiedlicher Genres vor. Merkwürdige Geschichten und verrückte Anekdoten bekannter Kapellen wie ÄTZER 81, NORMAHL, der mußikant, CHAOS Z, K.G.B., die sache, FAMILIE HESSELBACH, HEUTE, ... . Und von unbekannteren, dilettantischen Projekten, die eigenartige Klänge fabrizierten: KRACH, ABENTEUER UNTER WASSER, TRIEBTÄTER, FRAUENKLINIK, ANABIOSE, AUTOFICK und zig andere.
Der Leser taucht in die zahlreichen Locations ein, in denen unter dem Deckel aus Wohlstand, Drill und Kehrwoche die 80er-Apokalypse gefeiert wurde; in den Tempel der damaligen Szene, die MAUSEFALLE mit ihren großen Konzerten, in den New Wave Club TANGENTE, in die Jugendzentren des Ballungsraumes, die Discotheken BOA, CRASH und OZ, in Szenekneipen wie das EXIL und in Treffpunkte wie der Spinne, dem Flohmarkt oder dem Kleinen Schlossplatz. Der Autor berichtet über Fanzines wie THE ARSCHTRITT, THE DRECK, KOTZ, GEGENGIFT oder den AKTUELLEN MÜLLEIMER. Er erzählt von Kassettentätern und ihren Hometape-Studios der unabhängigen Labels wie INFAM, INTOLERANZ, SCHWABENSTOLZ, EXTREMMIST oder BU/BU und kleinen Schallplatten-Studios wie MANNSCHRECK. Wir lesen apokalyptische Gedichte, dystopische Comics und blicken auf wavige Grafiken aus dieser turbulenten Ära.
Zeitzeugen erzählen von ihrer Haltung und Identität, vom Schockieren und Provozieren, von ihrer Antimode, vom Hippieleid, von rauen Pogo-Tänzen, von Hausbesetzungen, Räumungen und anderen politischen Ereignissen, die die Zeit in Kaputtgart prägten. Das Buch schaukelt von der damaligen Ära in die gegenwärtige Punk-Szene, wie sich Punk/Wave und die Szene verändert hat und jetzt Erfolge feiert. Der Leser erfährt, wer Stuttgarts erster Punk war und was er heute macht, wer damals üble Punkmucke raus haute und heute beim SWR arbeitet, wer im Knast landete oder was aus den Damen von FRAUENKLINIK wurde. Und was der Autor als Muttersöhnchen so alles verbrach! Eine Diskografie umfasst alle Tonträger der goldenen Ära 1978-1983.

Das „Buch“ – 11 Einzelhefte im Schuber inkl. CD – wird im Format 24x34cm mit insgesamt 340 tw. farbigen Seiten bei Uli Schwinge im Verlag EDITION RANDGRUPPE erscheinen. 
Barny Trouble (incognito records) bringt im Rahmen des Projektes eine Single und das Vinyl Doppelalbum "STUTTGART BRENNT VOR LANGEWEILE" heraus!
Am 29. und 30. September und 3.10. finden zahlreiche Konzerte mit alten und neuen Punkbands statt. Norbert Prothmann organisiert auch Lesungen und Podiumsdiskussionen.

Thursday, 27 July 2017

IRMLER und OESTERHELT: Studiokonzert mit Blaskapelle

Die Klangabenteuer

In zwei Uraufführungen treffen im Faust-Studio in Scheer elektronische Sounds, Streicherklänge und Blasmusik aufeinander
Foto: Claudio Hils 

cw. Hans Joachim Irmler ist ein ruheloser Geist. Kaum hat der Faust-Elektroniker und Studiobetreiber aus Scheer ein musikalisches Projekt beendet, wendet er sich auch schon dem nächsten zu. War eines seiner letzten Unterfangen eine kammermusikalische Zusammenarbeit unter dem Titel „Formen“ mit dem Münchner Komponisten Carl Oesterhelt gewesen, haben sich die beiden jetzt wieder getroffen und ein neuerliches Klangabenteuer ausgeheckt, diesmal zusammen mit der Stadtkapelle Scheer. In zwei Konzerte werden die Früchte ihrer Arbeit im Faust-Studio in Scheer (Fabrikstraße 32-40) am Samstag, den 29. Juli (20 Uhr) und am Sonntag, den 30. Juli (15 Uhr) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, wobei elektronische Sounds, Streicher- und Bläserklänge aufeinander treffen.

Als Vehikel für ihre Kooperation haben die beiden Klangforscher ein Werk des französischen Dichters Lautréamont (Pseudonym für Isidore Lucien Ducasse ) ausgewählt, das 1874 
entstanden ist, aber erst 1890 erschien: „Die Gesänge des Maldoror“ gilt heute als ein 
wichtiges Werk der literarischen Moderne. Das Schlüsselwerk der „schwarzen Romantik“ 
übte einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung des Surrealismus aus und wurde von 
André Breton und André Gide gepriesen.
Ausgehend von der literarischen Vorlage, die von einer Sprechstimme rezitiert wird, kommt im Laufe der insgesamt „sechs Gesänge“ sowohl komponierte Kammermusik modernen Zuschnitts
 als auch osteuropäisch angehauchte Bläsertöne zur Geltung, durchmischt von freier Improvisation. Während Irmler seiner selbstgebauten Orgel die skurrilsten Sounds entlockt, steuert Carl 
Oesterhelt den Gang des musikalischen Geschehens vom Piano aus, um die Streichergruppe
das umfangreiche Schlagwerk und die Bläser der Scheerer Stadtkapelle in die vorgezeichneten kompositorischen Bahnen zu lenken. Elektronisch verfremdet durch Ringmodulatoren und 
Analog-Synthesizer entsteht eine futuristisch-psychedelische Klangwelt, die es so wohl noch 
nie zu hören gab. Man darf gespannt sein. 
Karten: reservierung@fauststudio.de

Saturday, 22 July 2017

Early Music: Renaissance-Polyphonie aus Portugal

Im Schatten der Nacht

Beim Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd kamen geistliche Gesänge des Frühbarocks zur Aufführung

cw. Vor 400 Jahren – im Zeitalter der Entdeckungen – war Portugal eine Weltmacht mit kolonialen Ambitionen in Übersee. Schiffe unter der Flagge des portugiesischen Königs erkundeten die Küsten von Afrika, des Nahen Ostens und Asiens „auf der Suche nach Gold und Gewürzen“. Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien. Und bald war auch Südamerika erreicht, wo in Brasilien bis heute portugiesisch gesprochen wird.

In Portugal existierte im 16. und 17. Jahrhundert ein vitales Musikleben, eine Epoche, die heute als das „goldene Zeitalter“ der portugiesischen Polyphonie bezeichnet wird. An den Höfen und Kathedralen in Lissabon und anderer größeren Städte wie Évora wirkten Komponisten von beachtlichem Kaliber, die jedoch längst vergessen sind. Doch die Musik von Pedro Vaz Rego oder Frei Manuel Des Santos hat in Handschriften überlebt, die in der Musikaliensammlung des Archivs der Bücherei von Évora aufbewahrt werden.

Das Ensemble „A Corte Musical“ aus der Schweiz unter der Leitung des Brasilianers Rogério Goncalves hat sich zur Aufgabe gemacht, diese verblasste musikalische Kultur wieder aufleben zu lassen. Beim diesjährigen Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd gaben die elf Musiker und Musikerinnen in der Wallfahrtskirche in Unterkochen einen Einblick in die portugiesische Klangwelt der Renaissance und des frühen Barock.

Die musikalische Gattung des spanischen „Villancico“, in portugiesisch „Villancete“ genannt, dominierte damals die iberische Halbinsel, wobei es sich um Lieder mit weltlichen Inhalten handelte, die mit Vers und Refrain einem festgelegten Schema folgten. „Villancicos“ wurden darüber hinaus für die christliche Liturgie genutzt und kamen an religiösen Feiertagen zur Aufführung. Mit vier Gesangssolisten (zwei Frauen und zwei Männern) setzte die Gruppe „A Corte Musical“ diese Gesänge mit Leidenschaft und großer Virtuosität in Szene. Oft handelt es sich dabei um Klagelieder, in denen eine „fromme Seele“ das „heilige Geheimnis“ zu entschlüsseln versucht. In Gebeten und Anrufungen im „Schatten der Nacht“ versuchen sich die Gläubigen einen Reim auf die Wirkkräfte des Himmels und der Erde zu machen und „in Demut“ bei Heiligen und dem Erhabenen um Beistand und Gnade zu bitten.


Begleitet wurden die Gesangssolisten von zeittypischen Saiteninstrumenten, deren Spektrum von der langhalsigen Theorbe (einer Laute mit zusätzlichen Baßsaiten) über Violinen und Gitarren bis zur Harfe und zur Violone reicht, einer sechssaitigen barocken Baßgeige. Mit diversen Schlaginstrumenten – ob Trommel oder Tambourin – gab Ensembleleiter Rogério Goncalves nicht nur den Rhythmus vor, sondern sorgte für zusätzliche Akzente, Dynamik und Drive. In einem Lied lassen ”die Vögel in den Lüften ihren süßen Gesang erklingen“ – dem stand das Ensemble in keiner Weise nach.

Der Konzertbericht erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg.

Stringband, USA 1890

Amerikanische Musikgruppe, wahrscheinlich ein lokaler Saiteninstrumenten-Verein mit Banjo, Mandoline und Gitarren. Der kleinere Junge (Mitte, links) hält eine Mundharmonika, der Mann dahinter eine Querflöte. Vorne sitzen zwei Triangelspieler. Ca. 1890. Ob der Bursche in der Mitte –  Zigarre rauchend, ohne Instrument – der Sänger ist?

Die Gruppe hat sich offenbar in ein Fotostudio begeben, um dieses Bild zu machen. Der 'Backdrop' – waldige Umgebung – weist darauf hin.

Wednesday, 19 July 2017

Abenteuer und Amouren: HISS in Tübingen

Polkas in mondheller Nacht

Die Stuttgarter Polkabilly-Kapelle Hiss bei ihrem obligatorischen Sommerauftritt in Tübingen

Foto: C. Wagner


cw. Es ist fast schon Routine. Alle Jahre wieder – immer im Sommer – kommt die Stuttgarter Polkabilly-Band Hiss nach Tübingen. Dann lassen die Mannen um Stefan Hiss auf dem Sudhaus-Areal eine Party unter freiem Himmel steigen, die es in sich hat und Fans aus der ganzen Region anzieht. Denn eines ist klar: Bei Hiss kann man ein paar ausgelassene, humorvolle Stunden erleben, die einen aus dem grauen Alltag herauskatapultieren – hinaus in die weite Welt. „Von Sansibar nach Santa Fe“ heisst bezeichnenderweise das Programm.

Hiss lassen es mächtig fetzen: Mit professioneller Gewandtheit machen sich die fünf Musiker ans Werk. Sie spielen einen Evergreen nach dem anderen – eine Art „Best of“-Programm aus ihrer nunmehr schon über 20jährigen Bandgeschichte, die auf sieben Alben dokumentiert ist und die Zuhörer nach kurzer Zeit auf die Beine bringt.
                                                                                                                         Foto: C. Wagner
Die fünf Musiker inszenieren sich als windgegerbte Weltenbummler, die die Segel hissen, um einmal musikalisch um die Welt zu reisen und von ihren Abenteuern und Amouren als Freibeuter und Vagabunden „da draußen“ zu berichten. Dabei wird unablässig Seemanns-Garn gesponnen. Stefan Hiss erweist sich als Münchhausen des Rock ‘n’ Roll und begnadeter Entertainer. Mit der Schilderung hanebüchener Eskapaden und Episoden bringt er das Publikum zum Lachen, wobei er mit feiner Ironie sich selbst auch immer wieder auf den Arm nimmt. Selbst der Schunkel-Animation im Dreivierteltakt nimmt er durch seine spöttischen Einlassungen alles Dumpf-Spießige, ein rhetorisches Kunststück, über das man sich nur wundern kann.

Stilistisch ziehen Hiss alle Register der tanzbaren Weltmusik, wobei sie sich am liebsten in den heißeren Regionen des Planeten bewegen: im Süden der USA und Lateinamerika. Die schweißtreibenden Rhythmen aus dem Fundus der dortigen Traditionen erweisen sich als das Terrain, in welchem die Band sich am wohlsten fühlt und zur Hochform aufläuft! Ob Tex-Mex-Polka, Cumbia, Zydeco oder Rhythm & Blues, Hiss bewegt sich durch das Unterholz der traditionellen Musikstile in souveräner Manier und mit großer instrumentaler Meisterschaft. Wie Michael Roth die kleine Mundharmonika zu einem Rieseninstrument macht, ist nicht weniger als atemberaubend. Selbst die virtuosesten Läufe und ekstatischsten Trillern spielt er in absolut lässiger Manier. Dazu entwindet Stefan Hiss dem Schifferklavier große Gefühle, läßt es winseln, wimmern und jammern, während Thomas Grollmus der Mandoline glockenhelle Tremoli und der Gitarre heulende Töne und kreischende Klänge entlockt. Dahinter agiert eine abgeklärte Rhythmusgruppe, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist, aber im entscheidenenden Moment auch mächtig aufs Gaspedal treten kann. Es war mal wieder schön! Nach einem überaus beschwingten Abend verabschiedeten Hiss sich mit ein paar „Polkas in mondheller Nacht“ von einem Publikum, das sich schon aufs nächste Mal freut.

Der Artikel erschien zuerst im Schwarzwälder Bote, große Tageszeitung in Baden-Württemberg


Wednesday, 12 July 2017

Punk von 1921 – Novelty Quartette: Syncopaters

Der Jazz, auch „hot music“ genannt, war die wilde Musik der 1920er und 1930er Jahre. Die Bilder aus der Zeit machen das klar.